Über Jahrzehnte hinweg basierte die Lichtplanung auf der Annahme, dass das menschliche Sehsystem der einzige Empfänger von Licht sei. Entsprechend wurde die Lichtqualität anhand von Parametern wie Beleuchtungsstärke (lx), Farbwiedergabeindex (CRI), Unified Glare Rating (UGR) und Gleichmäßigkeit bewertet.
Ein Durchbruch erfolgte zu Beginn des 21. Jahrhunderts mit der Entdeckung einer dritten Klasse von Fotorezeptoren in der Netzhaut: der intrinsisch photosensitiven retinalen Ganglienzellen (ipRGCs). Diese Zellen enthalten Melanopsin und dienen nicht dem Sehvorgang selbst, sondern der Weiterleitung von Lichtinformationen an den suprachiasmatischen Nukleus (SCN), die zentrale biologische Uhr des Körpers.
Diese Entdeckung veränderte das Verständnis der Rolle von Licht grundlegend. Es wurde deutlich, dass der menschliche Organismus nicht nur auf die für das Sehen erforderliche Lichtmenge reagiert, sondern auch auf dessen Spektrum, die Dauer der Exposition, die Einfallsrichtung und die Veränderungen des Lichts im Tagesverlauf.
Als Reaktion auf diese wissenschaftlichen Erkenntnisse veröffentlichte die Internationale Beleuchtungskommission (CIE) die Norm CIE S 026/E:2018, die ein Bewertungssystem für die biologische Wirkung von Licht anhand melanopischer Kenngrößen einführt. Dieses Dokument gilt heute als einer der wichtigsten Referenzstandards für die Planung zirkadian wirksamer Beleuchtung.
Dies bedeutet einen grundlegenden Wandel in der Planungsphilosophie. Während klassische Beleuchtungsnormen die Frage beantworten:
„Kann die Nutzerin oder der Nutzer ausreichend gut sehen?“
stellt die moderne Lichtplanung zusätzlich die Frage:
„Unterstützt die Lichtumgebung die gesunde physiologische Funktion des Organismus?“